Lesung mit Horst Selbiger

Der heute 90-jährige Horst Selbiger ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden aus Moabit. Mit viel Glück und Schlitzohrigkeit gelang es ihm als Jugendlicher, die Nazizeit zu überstehen, wenn auch nicht ohne körperlichen und psychischen Verletzungen. Er verlor 61 Mitglieder seiner Familie, nur wenige haben überlebt.
Nach dem Ende des Faschismus’ engagierte er sich in der DDR, als Journalist und Schriftsteller. Doch auch da wurde er wieder verfolgt und musste letztendlich das Land verlassen.
Aber auch die Nachkriegs-Bundesrepublik wollte ihn nicht haben, sie witterte in ihm den Kommunisten. Und an die auch an ihm begangenen Verbrechen gegen die Juden wollte man damals erst recht nicht erinnert werden, so dass ihm einige Entschädigungszahungen verweigert wurden.

Horst Seliger ist aber immer noch politisch aktiv. Im von ihm mitgegründeten Verein Child Survivors Deutschland haben sich Überlebende des Holocausts zusammengeschlossen, die damals noch Kinder oder Jugendliche waren. Und gerade Jugendlichen erzählt er bis heute von den Verbrechen, die von den Nazis begangen wurden.

Bei seiner Lesung am 12. Oktober 2018 erzählte er von seinen Erlebnissen als Jugendlicher. Wie ihn die SS während der Fabrikaktion als 14-Jährigen von seiner Arbeitsstelle abgeholt und in die Sammelstelle Rosenstraße gebracht hat. Wie seine Mutter, seine Tante und hunderte andere Frauen tagelang draußen lautstark demonstrierten, vor den Gewehrläufen der Nazis. Wie er im Sammellager Levetzowstraße landete und miterleben musste, wie seine damalige und bis heute einzig große Liebe Esther abgeholt wurde. Zwei Tage später wurde sie in Auschwitz vergast.
Trotz seines hohen Alters tritt Horst Seliger noch immer bei Veranstaltungen und in Schulen auf. Im Sammellager hatten Esther und er sich gegenseitig versprochen: Falls jemand von ihnen überlebt, würde er oder sie den Nachgeborenen davon erzählen.

 


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